6. Mai 2021: Flüchtlingsrat fordert: Keine Schuldzuweisungen anhand einer Migrations- oder Fluchtgeschichte

In den letzten Wochen machten in Teilen von Rheinland-Pfalz die Aussagen von Bettina Dickes, der Landrätin des Kreis Bad Kreuznach, Schlagzeilen. Frau Dickes behauptet etwa, dass in ihrem Landkreis vor allem Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte das Infektionsgeschehen nach vorne treiben und größten Teils zu den steigenden Fallzahlen beitragen.(1) Auch an anderer Stelle wird ähnlich argumentiert.   Bundesgesundheitsminister Jens Spahn spricht beispielsweise davon, dass besonders bei Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte eine erhöhte Impfskepsis vorherrsche und ein angebotener Impftermin daher nicht wahrgenommen werde.(2)

„Solche scheinbar harmlosen Aussagen sind gefährlich, da sie undifferenziert einer Gruppe von Menschen die Schuld an den steigenden Infektionszahlen zuweisen und damit Hass und Hetze befördern“, erklärt Pierrette Onangolo, Geschäftsführerin des AK Asyl – Flüchtlingsrates Rheinland-Pfalz e.V.. Es hat andere, insbesondere sozioökonomische Gründe(3), dass sich gerade bei den angesprochenen Gruppen die Infektionsfälle häufen.

„Es liegt hier an Armut, Bildungsbenachteiligung, Gettoisierung, bürokratischer Diskriminierung und vielem mehr, aber nicht daran, dass Menschen scheinbar eine Migrations- oder Fluchtgeschichte haben“, sagt Luca Giongo von Aktiv für Flüchtlinge Rheinland-Pfalz. Vor allem die fehlende Aufklärung über eine Impfung und in der Fläche nicht vorhandenen Informationen in den Erstsprachen der Menschen spielen eine große Rolle. Dies führt dann sowohl zu großer Verunsicherung als auch zum Rückzug ins familiäre Umfeld. Noch dazu ist in Pandemiezeiten die Kontaktmöglichkeit zu Nachbarn und ehrenamtlicher Unterstützung eingeschränkt, sodass viele Informationen die Betroffenen kaum erreichen. Die Folgen sind weitere Stigmatisierung und Ausgrenzung.

Auch rassistische Diskriminierung und Gewalt in Bezug auf die Corona-Pandemie nimmt zu. Überwiegend haben Anfeindungen und Drohungen gegen asiatisch gelesene Personen(4) seit Anfang 2020 einen gravierenden Anstieg erfahren aber auch andere Personengruppen sind stark davon betroffen (Antidiskriminierungsstelle des Bundes). Eingangs erwähnte Behauptungen werden von rechtspopulistischen und konservativen Gruppierungen dazu genutzt, um weiter gesellschaftlich Stimmung gegen diese Gruppen zu machen.

Der AK Asyl – Flüchtlingsrat Rheinland-Pfalz e.V., das Projekt Aktiv für Flüchtlinge Rheinland-Pfalz und der Arbeitskreis heterogenitätsensible/ rassismuskritische Bildungsarbeit an der JGU Mainz fordern vor diesem Hintergrund:

  • Keine Hetze gegen Menschen und Personengruppen. Insbesondere in Bezug auf steigende Infektionszahlen in Städten und Landkreisen
  • Großflächige Aufklärung über die Möglichkeiten und Risiken einer Corona-Impfungen in den jeweiligen Erstsprachen und in leicht verständlicher Sprache
  • Berücksichtigung sozioökonomischer Faktoren, die eine Infektion mit dem Coronavirus bedingen,und ernsthafte Maßnahmen, wie dezentrale Unterbringung von Geflüchteten sowie schulische
  • Förderung sozial benachteiligter Kinder und Jugendlichen, um diese zu verringern.

gez.

Pierrette Onangolo, Geschäftsführerin des AK Asyl – Flüchtlingsrates RLP e.V.
Okka Senst, Projektleitung von Aktiv für Flüchtlinge RLP
Arbeitskreis heterogenitätsensible/ rassismuskritische Bildungsarbeit an der JGU Mainz

 

(1) Landrätin Dickes: „Manche Gruppen haben eigene Regeln“. Artikel der Allgemeinen Zeitung vom 22.04.2021.

(2) Haben Menschen mit Migrationshintergrund eine stärkere Impfskepsis? Artikel des Tagesspiegels vom 28.04.2021.

(3) Sozioökonomische Faktoren berücksichtigen bspw. Bildung, Einkommen, Wohnverhältnisse u. a. Lebensumstände der Betroffenen

(4) „Asiatisch gelesene Personen“ werden aufgrund äußerlicher Merkmale als asiatisch wahrgenommen auch wenn sie bspw. nie in asiatischen Ländern gelebt haben

Pressemitteilung als PDF

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