Potenziale und Grenzen

Laut der bisher aktuellsten Studie zur ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit (EFA-Studie, Berlin 2015) investieren über 30 % der Helfer*innen über 10 Stunden pro Woche in ihre Tätigkeit.

Die Vielfalt der ehrenamtlichen Tätigkeiten findet sich auch in der Motivation wieder, die Ehrenamtliche dazu bringt, diese 10 Stunden zu investieren.

Einen sinnvollen Beitrag leisten, damit es Menschen in Not bessergeht, ist für viele Engagierte der erste Impuls. Die Unterstützung von Flüchtlingen bringt darüber hinaus oft Gleichgesinnte zusammen, so dass ein weiteres Motiv die sozialen Kontakte darstellt bzw. das Gemeinschaftsgefühl, welches sich durch das Miteinander einstellt. Vor allem die Begegnungen zu Geflüchteten werden vielfach als Bereicherung erlebt. Erfahrungen, neues Wissen und Kontakte, die im Rahmen der ehrenamtlichen Tätigkeit gesammelt werden, sind ein Gewinn für die eigene Person, Familie und Gesellschaft. Für viele ist es auf diesem Weg möglich einen Beitrag dazu leisten, Gesellschaft aktiv mitzugestalten.

Potenziale erkennen und nutzen

Mit welcher Motivation und in welchem Bereich, Sie sich auch immer betätigen, auch in der Flüchtlingsarbeit gilt: Was ich gern mache und wo ich bereits Erfahrungen habe läuft in der Regel am besten.

Wenn Sie Unterrichtserfahrungen haben, ist dies ein erster Baustein (nicht der einzige), Menschen die deutsche Sprache beizubringen.
Wenn Sie Erfahrungen im Immobilienbereich haben, können Sie eventuell gut bei der Wohnungssuche helfen.
Wenn Sie Organisationserfahrungen haben, können Sie sich bei den Planungen für ein Begegnungsfest oder dem Café-Nachmittag einbringen.
Wenn Sie schon immer gut zuhören konnten, wird auch dies gebraucht.

Stellen Sie sicher, dass Sie eine für Sie passende Aufgabe finden sowie auch „passende“ Personen. Sie werden nicht mit jeder*m Mitstreiter*in oder jeder geflüchteten Person ohne Weiteres zurechtkommen – aber das ist mit allen Menschen ja so. Vertrauen Sie auf Ihr Gefühl und Ihr Erfahrungsschatz: Menschen, die Ihnen unsympathisch sind, von denen Sie sich ausgenutzt fühlen oder denen Sie nicht trauen, bringen Sie lieber mit anderen Unterstützer*innen in Kontakt - vielleicht verstehen sie sich besser.

Die Schwierigkeit beim Ehrenamt: Es gibt keinen offiziellen Feierabend.

Bei der Unterstützung insbesondere von Familien kann es schnell passieren, dass ein Gefühl der Allzuständigkeit entsteht - auch wenn ursprünglich nur ein, zwei Stunden Deutsch-Nachhilfe in der Woche angedacht war. Schnell haben Sie mal ein Formular mit ausgefüllt, übersetzen hie und da Briefe aus dem Beamtendeutsch ins Verständlich-Deutsch, gehen dann plötzlich mit auf alle Behörden, rufen bei Internet-Anbietern an, machen Arzttermine aus, suchen nach einer geeigneten Wohnung - und kaum, dass sie es sich versehen, sind Sie Ansprechpartner*in für jegliche Fragen. Anfangs macht Ihnen das vermutlich auch gar nichts aus und bekräftigen dies noch mit Sätzen wie: „Ich bin immer für Sie erreichbar, wenn was ist, rufen Sie an“. Das halten Sie jedoch nicht lange durch. Allerspätestens wenn Sie merken, dass Ihre Unterstützung sich als Verpflichtung anfühlt, sollten Sie wachsam werden.

Grenzen erkennen und ziehen

Im Idealfall stecken Sie von Anfang an die Grenzen ab, überlegen Sie, was Sie realistisch leisten können bzw. bereit sind, zu leisten.

Ihr Wohlbefinden ist die Grundlage und notwendige Voraussetzung für Ihre angedachte Hilfestellung sowie für eine Beziehung zu den Personen, die Sie unterstützen wollen. Es ist niemandem geholfen, wenn Sie sich überfordern und nach ein paar Monaten völlig ausgelaugt und frustriert sind. Achten Sie auf sich - und darauf, sich nicht unersetzbar zu machen.

Geflüchteten zur Selbstständigkeit zu verhelfen und bei Problemen, den Weg zu professionellen Unterstützungsangeboten zu weisen, entlastet Sie und lässt Spielraum für neue Aufgaben und ist letztlich auch für die neuankommende Person sinnvoller. Denn eine „Allround“-Unterstützung wird ihnen nicht helfen, in Deutschland Fuß zu fassen und ihr Leben in der Fremde in die eigenen Hände zu nehmen.

Auch wenn Sie sich als eine Art Ersatz-Großmutter, Vaterfigur oder Tochter fühlen - Sie haben es mit erwachsenen Menschen zu tun, die einerseits Schlimmes erlebt haben und fern ihrer Heimat sind, andererseits dadurch bereits mehr erlebt, mehr gemeistert und geschafft haben, als wir (hoffentlich) je in unserem ganzen Leben meistern müssen.

Insbesondere traumatisierte Geflüchtete oder Menschen, denen eine Abschiebung bevorsteht, brauchen außer Ihrer Hilfe und Solidarität meist auch professionelle Unterstützung. Hier sind Ihr Einblick ins hiesige Hilfesystem und Ihre Kontakte von zentraler Bedeutung: Suchen Sie Kontakt zu und den Rat von Gleichgesinnten oder professionellen Beratungsstellen.

Hierzu hat die AG Flucht und Trauma auf ihrer Internetseite einige hilfreiche Tipps zusammengestellt: ag-fluchtundtrauma.de

Sollten Sie merken, dass Sie selbst bereits über Ihre eigenen Grenzen überlastet sind, sollten Sie sich überwinden und das offene Gespräch suchen. Ein Austausch unter den Flüchtlingsunterstützer*innen oder mit einer*m Ehrenamtskoordinator*in vor Ort ist sinnvoll und hilfreich. Regen Sie an, einen Ehrenamtsstammtisch oder eine Supervision-Gruppe zu initiieren – falls noch keine existiert – bei dem oder der Sie sich regelmäßig über Ihre Erfahrungen austauschen! Bedenken Sie dabei jedoch auch stets auf einen behutsamen Umgang mit persönlichen Daten.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Machen Sie, was Ihnen Spaß macht, und wenn Sie nicht weiterwissen, gehen Sie zu einer Beratungsstelle, die für das Problem spezialisiert ist.
  • Nutzen Sie Fortbildungsangebote in den Bereichen, die Sie interessieren oder die Sie für notwendig halten.
  • Vernetzen Sie sich! Gruppen geben Halt und der Austausch bewahrt Sie vor Fehlern und Frustrationen.
  • Denken Sie immer daran, dass Sie es freiwillig tun und akzeptieren Sie Ihre eigenen Grenzen und die der Geflüchteten! Achten Sie darauf, dass es Ihnen gut geht und Sie lange dabeibleiben können.

Zum Weiterlesen

Broschüre der Diakonie Hessen, erschienen September 2016, 60 Seiten:
„Wenn Helfen nicht mehr gut tut ...“ - Ein Wegweiser durch die Welt des Helfens